Sehr geehrte Stützen der Gesellschaft

Wir leben in einer Zeit, in der vieles an die Oberfläche drängt, was bisher ver-drängt bzw. weg-gemanaged und unterdrückt wurde.

Das Scheitern von Jamaica, die Ratlosigkeit der Wähler und Gewählten, die sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen ausdrückt und die sonstigen politischen Entwicklungen, Terroranschläge, Kriege, Finanzskandale bei Banken, Betrugsvorfälle in Weltkonzernen, Panama und Paradise, Flüchtlinge, die weit verbreitete Angst vor Veränderung, das alles irritiert uns und lässt uns unsere scheinbare Machtlosigkeit spüren.

 Von Politikern, Managern und Verantwortlichen in der Wirtschaft, den Medien, den Stützen unserer Leistungsgesellschaft wird erwartet, dass sie Stellung beziehen zu diesen Themen, Maßnahmen treffen, Verantwortung übernehmen.

Wir können nur ahnen, unter welch einem Druck jeder von ihnen steht. War das bisher vor allem der wirtschaftliche, sportliche, politische Leistungsdruck, so kommt nun eine neue Dimension hinzu.

Angst und Ohnmacht spielen eine zunehmend wichtige Rolle, bei der alte Mechanismen nicht mehr wirken

 

Der zunehmende Druck, die Angst, die Wut und Ohnmacht scheinen dabei nur im Außen begründet. In Wirklichkeit sind diese Emotionen tief in uns allen längst da, sie gehören zu uns und warten geradezu darauf, an die Oberfläche kommen zu dürfen. Die Ereignisse, die uns begegnen, der Umgang mit diesen, spiegeln letztlich unsere Urängste und andere von uns abgelehnte Gefühle, die uns sozusagen in der Wäsche hängen. Da diese Ängste und abgelehnten Emotionen individuell unterschiedlich ausgeprägt sind, ähneln bzw. unterscheiden sich unsere Reaktionen und Befindlichkeiten, die  durch die Ereignisse ausgelöst werden.

Bisherige Reflexe wie die Dinge unter den Teppich kehren, vertuschen, darüber hinweggehen oder -sehen, abwiegeln, sind nicht mehr wirksam. Auf das, was im Außen passiert, im Außen zu reagieren, genügt nicht mehr.

 

Nur Innere Stabilität und Kraft lässt die Unruhen im Äußeren vorübergehen, ohne zum Zusammenbruch - des Einzelnen , der Familie, Verein, Organisation, Firma, Staat - zu führen. Also gilt es, nach Innen zu schauen, die inneren Ressourcen zu stärken und für innere Balance zu sorgen. Doch wie geht das?

Bei allem, was uns im Leben begegnet, das uns berührt bzw. trifft, dürfen wir uns als erstes fragen:

Was ist mein Anteil, was ist meine Verantwortung, welche Botschaft steckt hinter dem Ereignis für mich ganz persönlich? Dort darf ich hinschauen, klärend und annehmend, Urteile überprüfen und eine neue Entscheidung treffen. Beispielsweise dürfen wir uns bei Verurteilungen durch andere, auf die wir emotional reagieren, fragen:

Wo(für) verurteile ich mich noch selbst? Und: Woher kenne ich das Gefühl, das die Verurteilung durch andere in mir auslöst, ist meine Wahrnehmung und der Gedanke, der das Gefühl ausgelöst hat, wirklich wahr oder kann es sein, dass ich mich geirrt habe?

 

Könnte es sein, dass wir die Art zu Denken, -auch wenn es uns in der Vergangenheit scheinbar mehr genutzt als geschadet hat-, auf den Prüfstand stellen müssen? Könnte es sein, dass wir Urteile zurücknehmen müssen? -Reset! Leer machen, unnützes Wissen über Bord werfen. Neustart, neugierig, unvoreingenommen.

Eine alte Wahrheit besagt, das Außen folgt dem Innen, und so gelingt es, durch bloße Veränderung der inneren Haltung zu einem Konflikt, diesen zu lösen, weil sich die Richtung ändert.

 

Übertragen auf die Realität in den Familien, Vereinen, Betrieben, Unternehmen, Parteien und der Gesellschaft heißt das: Wenn ich die Themen, mit denen ich persönlich im Unfrieden bin, kläre und Frieden mache, dann biete ich keine Angriffsfläche mehr, ich lade ein zum Frieden durch meine innere Haltung. Wer mit sich selbst im Reinen ist, wird zum Friedensstifter nur durch sein Sein. Und das wirkt hochgradig ansteckend.

 

Was bedeutet das für die Politiker, die Partei, den Verein, die Firma, die Gesellschaft?

Wir alle spüren, dass wir uns im Übergang in eine neue Zeit, befinden, in eine neue Qualität, die sich ausdrückt in der Art wie wir in Zukunft miteinander umgehen werden, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

Wünschen wir uns eine Gesellschaft der Liebe, Zuwendung, des Miteinanders, Mitgefühls, Vertrauens und der offenen Herzen oder wollen wir weiter in einer Gesellschaft der verschlossenen Herzen, Angst, Misstrauen, Verurteilungen, Lieblosigkeit und Unfrieden leben?

Jeder Mensch hat die Wahl, den Weg zu wählen, den er gehen möchte. 

 

Die Frage drängt sich auf, wo in der herrschenden Politik, in unserer Gesellschaft sich Herzoffenheit, Mitgefühl, Vertrauen, Liebe widerspiegeln? Etwa im von der Pharmaindustrie dominierten Gesundheitswesen? Im Rentensystem? In der rein Profit-orientierten Wirtschaft? Im Finanzsektor, dem Steuersystem? An der Börse? Im Immobiliensektor? In der Bildung, dem Schulsystem? In der Nahrungsmittelindustrie? Im Energiesektor? Im Waffenexport? In der Massentierhaltung?

 

Wenn unter anderem die Stützen der Gesellschaft Inventur machen bei sich selbst, ihre Gedanken, Urteile und Schuldzuweisungen überprüfen, ein Menschenbild auf der Basis von Mitgefühl und Vertrauen entwickeln, Fragen zu ihrem Ursprung, zum Lebenssinn klären, ihren Anteil an der Lebenssituation und den Ereignissen in ihrem Leben erkennen, den eigenen Weg und auch den Weg ihrer Bezugspersonen und Gefährten, was immer auch passiert ist, würdigen, aufräumen, Frieden machen und Verantwortung übernehmen,- dann öffnet sich der Weg in die eigene Mitte und Kraft. Eine Kraft, die abgegeben wurde an ein Ego, das uns weismachen will, dass wir nicht richtig sind und die Angst kultiviert. Eine Kraft, die uns erlaubt, stehen zu bleiben, auch wenn alles um uns herum zusammenbricht.

 

Wem wollen sie die Hand reichen, wenn sie selbst Ertrinkende sind?

Erst wenn auch die sog. Stützen der Gesellschaft, die Politiker, Manager, Finanzeliten erkennen, dass die Macht des Geldes relativ und beschränkt ist, dass ihre Angst ebenso illusionär ist wie die Strategie, sie mit Geld und vermeintlicher Sicherheit durch Vermögens- und Machtanhäufung, Unterdrückung und veraltete Systemtreue verzweifelt zu überdecken, erst wenn auch sie sich erinnern, wer sie wirklich sind, können neue Wege beschritten, neue Entscheidungen gefällt und dieser Planet ein Ort der Liebe und der Freude, des Miteinanders und des Mitgefühls mit allen Mit-Bewohnern werden.

 

Bedingungslose Liebe, die all das, was gegen das Leben geht, stoppt, und all die Energien, die dem Leben und der Potenzialentfaltung des Einzelnen dienen, zum Fließen bringt.

 

Der Weg liegt vor uns, die Antworten sind in uns, wir müssen uns nur entscheiden. Alle.

 

Lothar Obrecht,                                              Bochum,  22.11.2017

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