Entfremdung: Die neue Volkskrankheit

Wir leben in einer materialistischen, mechanisierten Welt komplexer Systeme, welche die meisten Menschen – wenn nicht sogar alle – nicht mehr verstehen, d.h. der Mensch ist inzwischen vielfach entfremdet von der Welt, in der er lebt. Er findet sich in der Natur nicht mehr zurecht und in der sogenannten Zivilisation unserer Städte hat er sich vom Gemeinwesen sowie in der Arbeitswelt vom Produkt seiner Arbeit immer mehr entgrenzt. Geblieben ist eine unbewusste Sehnsucht nach Verbindung, nach Geborgenheit und Glück, nach Sinn und Erfüllung, die zugedeckt wird von sinnlosem Konsum.

 

Auch in der modernen Medizin suchen die Ärzte/Ärztinnen zumeist nach isolierten mechanischen Ursachen für Erkrankungen und therapieren mit synthetischen Pharmazeutika. Dabei wird gerne all das, was sich in den letzten 1,5 Mio. Jahren der Menschheitsgeschichte Geltung verschafft hat, als Hokus Pokus und Quacksalbertum abgetan – wohl auch deshalb, weil das Wissen darüber verloren gegangen ist, schlicht nicht mehr gelehrt wird; schließlich bestimmt heute eine Pharmaindustrie und der Marktwert des Patienten die Lehrpläne an den medizinischen Fakultäten. So beschränkt sich also die Therapie auf die medikamentöse Bekämpfung von Bakterien, Viren und Toxinen, die als Krankheitsverursacher gesehen werden, - natürlich alles wissenschaftlich unterlegt.

 

Der Anthropologe, Ethnologe und Botaniker Wolf Dieter Storl belegt in seinem Buch über die Urmedizin*, dass schon unsere Sprache wichtige Hinweise über Krankheitsursachen liefert, welche in der fernen Vergangenheit der Menschheitsgeschichte gesehen wurden. Unsere Urahnen hatten noch ein tieferes Verständnis über die Einbettung des Menschen in die Natur, ihren Rhythmus und ihre Gesetzmäßigkeiten. Die alten Schamanen und Mediziner haben noch um die Bedeutung von Worten und Gedanken für die Gesundheit gewusst. Sie haben die Ursache von Krankheiten zunächst und vor allem in der Verzauberung, Spaltung, Abspaltung durch verzauberte Gedanken und Vorstellungen gesehen. Daher kommt im Übrigen auch der Begriff Sünde, was so viel wie Trennung, Spaltung bedeutet. Der protogermanische Begriff Spellam - mit Worten Vorstellungen erzeugen – bezeichnet den Ursprung der Abspaltung des Menschen vom vorgesehenen Pfad. Das englische Wort spell bedeutet auf Deutsch Buchstabieren und dieser kommt von der germanischen Praxis, mit Buchenstäben Runenzauber zu betreiben. Der Begriff Gospel kommt von good spell, womit der gute Zauber des Evangeliums gemeint ist, wie ihn die christlichen Missionare einst verbreiteten.

D. h. Krankheit kommt nicht zuletzt von geistigem Siechtum, Besetztheit, Verzauberung durch Gedanken und Vorstellungen. So mussten also die Heil-Worte, der Heil-Zauber jeweils stärker sein als der Krankheitszauber, der die Krankheit verursacht hat. Daher musste der Heiler die Illusion des Kranken durchschauen können und seine Macht bzw. die Macht seines Wortes musste stärker sein als die Macht der feindlich gesinnten Wesenheiten.

 

Auch heute wird der Einfluss der Psyche auf die körperliche Gesundheit durchaus gesehen, wir sprechen dann von psychosomatischen Erkrankungen, allerdings besitzt in unserem Gesundheitssystem die Psyche bei weitem nicht den Stellenwert, der ihr eigentlich – nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen der letzten 1,5 Mio. Jahre – gebührt. Lediglich kurzfristig vermeintlich wirksame Methoden der Psychotherapie zur Wiedereingliederung in die Arbeitswelt werden – neben allerlei ‚hochwirksamer‘ Psychopharmaka – von Krankenkassen anerkannt und bezahlt, und zwar aus Krankenversicherungsbeiträgen der Menschen, die nicht einmal einen Einfluss darauf haben, welche Therapiemethoden erlaubt sind und welche nicht.

 

Insofern haben wir als Menschheit in unserer nahezu grenzenlosen Arroganz und unserem Überlegenheitsdenken gegenüber unseren Ahnen einen gewaltigen Rückschritt gemacht, insbesondere was die ganzheitliche Sicht auf das körperliche Wohlbefinden betrifft.

Wir glauben heute, alles zu wissen, wohl informiert zu sein, hochtechnisiert und hochgerüstet mit modernster Informationstechnologie, moderner Diagnostik, dabei kennen wir nicht einmal mehr als zwei bis drei Kräuter von Tausenden, die in unseren Wäldern wachsen.

Rastlosigkeit, Haltlosigkeit, Entfremdung auf allen Ebenen, Bindungslosigkeit, reiner Technologie-, Fortschritts- und Wachstumsglaube führen uns mittlerweile nicht nur in ein ökologisches Desaster, immer mehr Ungleichheit zwischen den Menschen, in unzählige Kriege im außen, sondern auch in den Burn out, eine stetige Zunahme von chronischen Erkrankungen und körperlichen Dysbalancen, d.h. den Krieg im Inneren.

 

Konsumzwang, Konsumsucht, zunehmende Digitalisierung und die Unterhaltungsindustrie treiben die Entfremdung weiter voran. SIE sind heute die Wesenheiten der Verzauberung, die die Krankheit der Gesellschaft ist.

 

Lothar Obrecht, Bochum, den 03.01.2019    

 

* Wolf Dieter Storl: Ur-Medizin, Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde